Wo er war, hinterliess er meist verbrannte Erde. Craig Bellamy pflegte in den letzten Jahren sein Bad-Boy-Image. Bei den Citizens macht der Exzentriker vor allem mit seinen Toren auf sich aufmerksam.
Der Mann mit den zwei Gesichtern
Craig Bellamy gilt als „Enfant terrible" des englischen Fussballs. An dem Stürmer von Manchester City scheiden sich die Geister wie einst an Eric Cantona, Vinnie Jones oder Paul Gascoigne. Seine Attacken auf Mitspieler, Trainer und Fans sind berüchtigt. Um all seine Skandale aufzuzählen reichen zwei Hände nicht aus. Seine Qualitäten auf dem Rasen und sein soziales Engagement geraten deshalb oft in den Hintergrund.
Über keinen anderen Spieler auf der britischen Insel wurde in den letzten Jahren so kontrovers diskutiert wie über Craig Bellamy. Am Ball genial, als Mensch unberechenbar - so lautet der Grundtenor. Wer sich in England über den Kapitän der walisischen Nationalmannschaft äussert, bezieht Stellung: Entweder man liebt oder hasst den Hitzkopf mit den markanten Tattoos. Differenzierte Meinungen sind selten. Zu oft liess er neben seinem fussballerischen Können seinen Jähzorn aufblitzen. Seine Wut bekamen die Opfer seiner Ausbrüche mit der Faust, einem Stuhl oder einem Golfschläger zu spüren.
Neun Vereine in 13 Jahren
Bellamys Karriere begann 1997 bei Norwich City. Der Waliser erlebte seither alle sportlichen Höhen und Tiefen. Vom Abstieg mit Coventry City bis zum Champions-League-Finale mit Liverpool war alles dabei. Trikots von neun verschiedenen Vereinen trug Bellamy bis heute. Nie blieb er länger als vier Jahre, oft verliess er seinen neuen Arbeitgeber bereits nach einer Saison. So geschehen bei Coventry City, Blackburn und Liverpool.
Annähernd sein wahres Potential ausgeschöpft hat Bellamy in seiner Zeit bei Newcastle United, wo er zusammen mit Alan Shearer spielte. In ihrer ersten gemeinsamen Saison schossen die beiden über 40 Tore.
Bellamy machte aber nicht nur auf dem Spielfeld auf sich aufmerksam: Abseits des Spielfeldes fiel der Stürmer vor allem durch sein zügelloses Temperament auf. Trainerlegende Sir Bobby Robson, der Bellamy damals nach Newcastle holte, beschrieb es folgendermassen: „Er ist ein grossartiger Fussballer, umhüllt von einem unberechenbaren Charakter." Und dieser kam in Newcastle und den danach folgenden Stationen des Öfteren zum Vorschein.
„I hate the way football is today"
Craig Bellamy will nicht so recht ins Bild eines modernen Fussballprofis passen. Er wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Zur Kommerzialisierung und dem ganzen Glamour rund um den Fussball hat Bellamy eine klare Meinung: „I hate the way football is today" - „Ich hasse den Fussball in seiner heutigen Form", konstatierte der Waliser in einem Interview mit dem Daily Mirror.
Bellamy stand bereits mehrmals vor Gericht, auch nach Prügeleien mit Frauen. John Carver, den Assistenten von Magpie-Coach Bobby Robson, bewarf er nach einer Meinungsverschiedenheit mit einem Stuhl. Marco Materazzi, auch kein Kind von Traurigkeit, bekam Bellamy's Temperament in einer Champions-League-Partie in Form von Tritten zu spüren. „Er ist ein Mensch, der alleine in einem Raum eine Schlägerei anfangen kann", fasste Trainerlegende Robson es zusammen.
Mit dessen Nachfolger bei Newcastle, Graeme Souness, kam Bellamy ebenfalls nicht zurecht. Wurde er vom Vorgänger oft geschützt, hatte er bei Souness aufgrund seines Charakters einen schweren Stand. Vor einem Spiel gegen Arsenal flog Bellamy aus dem Kader, offiziell wegen einer Verletzung. Nach der Partie gab Souness jedoch an, Bellamy habe sich geweigert, auf der rechten Seite zu spielen. Dieser wehrte sich gegen diese Behauptung und antwortete öffentlich, dass er auf jeder Position gespielt hätte, er aber dazu gedrängt worden sei, eine Verletzung vorzutäuschen. Er nannte Souness einen Lügner, was ihm eine Geldstrafe von 120'000 Euro einbrachte.
„The Nutter with the Putter"
Fast schon Kultstatus haben seine SMS. Als ihn Newcastle an Birmingham City verkaufen wollte, schrieb er den Vereinsbossen: „Ich bin Craig Bellamy, ich spiele nicht für Scheissklubs." Auch seinem früheren Sturmpartner, Alan Shearer, textete er nach einer peinlichen Pokalniederlage abschätzige Kurzmitteilungen.
Sein legendärster Ausraster ereignete sich in seinem Jahr bei Liverpool, vor einem Champions-League-Spiel gegen den FC Barcelona. Bellamy und einige Mitspieler veranstalteten im Trainingslager in Portugal einen nicht alkoholfreien Karaoke-Abend. Als sich John Arne Riise weigerte zu singen, ging der Kapitän der walisischen Nationalmannschaft mit einem Golfschläger auf den Norweger los. In der englischen Presse nannte man ihn „The Nutter with the Putter" - „Der Verrückte mit dem Golfschläger". Ironie der Geschichte: Gegen Barcelona standen überraschend beide Spieler in der Startformation und Bellamy wurde zum Held der Partie. Er erzielte beim 2:1 Sieg den ersten Treffer und bereitete den zweiten vor. Torschütze: John Arne Riise.
Bleibt er bei den Citizens?
Bei seinem nächsten Verein, West Ham United, veränderte sich Bellamy. Während einer längeren Verletzungspause hatte der neue Star der Hammers viel Zeit um nachzudenken. Zurück auf dem Platz, schien der 30-Jährige den Balast aus der Vergangenheit abgeworfen zu haben. Er fand zurück zu alter Stärke und zeigte neben dem Platz, dass er auch andere Seiten hat.
Er gründete 2007 in Sierra Leone, dem vom Bürgerkrieg und Armut gezeichneten Land, „The Craig Bellamy Foundation", mit dem Ziel, Kindern mit Hilfe des Fussballs einen Halt zu geben und so ihre persönliche und soziale Entwicklung zu unterstützen. Er ignorierte im Vorfeld alle Stimmen, die ihn vor einer Reise nach Freetown, der Hauptstadt des Landes, warnten.
Ein letzter Ausrutscher?
Der letzte aufsehenerregende Zwischenfall ereignete sich im Herbst 2009, nach seinem Wechsel zu Manchester City. Ein United-Fan stürmte in der Schlussphase des Stadtderbys auf das Spielfeld. Obwohl ihn sofort zwei Sicherheitsleute einfingen und überwältigten, rannte Doppeltorschütze Bellamy auf den Mann zu und verpasste ihm einen Faustschlag, mitten ins Gesicht. Da der Fan mit seiner Aktion jedoch unnötig provozierte, beliess es die FA bei einer Verwarnung.
Abgesehen von diesem Zwischenfall hat sich Bellamy in dieser Saison als Führungsspieler bei den Citizens etabliert. Bereits sechs Mal traf der pfeilschnelle Stürmer ins gegnerische Tor. Längst hat er sich in die Herzen der Fans gespielt. Er ist reifer geworden, auf und neben dem Platz. Vielleicht bleibt er diesmal ja länger. Angebote von Arsenal und Tottenham hat er jedenfalls bereits abgelehnt.
Von Matthias Zingg
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